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Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Germanias
Kampf um Berlin
Angela
Merkel regierte anspruchsarm, bis die Weltkrise sie aus ihrer Ruhe
riss. Sie brauchte lange, um ein Rezept dagegen zu finden, das dann
aber international Nachahmer fand. Ihrer Partei jedoch ist sie in
ihrer Amtszeit als Kanzlerin noch fremder geworden.
Von
Christoph Schwennicke, DER SPIEGEL, 21.9.2009
Dieses verdammte
Miststück will wieder nicht. Fast vier Jahre geht das jetzt schon
so.
Es ist natürlich
nicht mit letzter Sicherheit zu sagen, ob Angela Merkel
Bundeskanzlerin bleibt und damit weiter im Besitz dieses technischen
Hilfsmittels der Kanzlermaschine, das sie da in ihren Händen hält,
aber so viel steht fest: Sie und dieses Mikrofon werden keine Freunde
mehr, nicht in den letzten Wochen dieser Wahlperiode und auch nicht,
wenn sie noch vier weitere Jahre miteinander verbringen.
Die Maschine
fliegt über das Schwarze Meer, Merkel ist auf dem Weg zum russischen
Präsidenten, und es ist immer wieder ein komisches Gefühl in dieser
fliegenden Konferenzkabine. Irgendwie stimmen die Abstände nicht,
nicht räumlich und sonst auch nicht. Man quetscht sich auf den Sitz,
hockt auf Armlehnen, schwitzt oder friert gemeinsam, weil die
Temperatur immer anders ist, aber nie angenehm. Man liegt Merkel zu
Füßen oder rückt ihr auf der grauen Sitzbank unangenehm nah auf
die Pelle. Es ist ein bisschen, als träfe man sich in der Sauna.
Alles zu nah.
Merkel im Kampf
mit der Tücke der Technik. Sie hat oft etwas rührend Unbeholfenes
in ihrer Art, es dauert ein bisschen länger, bis sie die Dinge in
den Griff bekommt. Jetzt auch wieder. Merkel hält das Mikro linkisch
in den Händen, ihre Finger nesteln und fummeln am Schaft, sie pustet
in den Kugelkopf und klopft darauf, und als sie sich gar nicht mehr
zu helfen weiß, führt sie es ans Ohr und horcht daran, als wäre es
ein Lautsprecher. Schließlich hat das Mikrofon Erbarmen.
"So, jetzt
geht's", ertönt ihre Stimme über die Lautsprecher.
Noch genau 44
Tage sind es an diesem 14. August bis zur Bundestagswahl. Von nun an
beginnt die unberechenbare Phase des Wahlkampfs. Das Böse lauert
jetzt immer und überall, und der Teufel ist ein Eichhörnchen oder
heißt Josef Ackermann, Jürgen Rüttgers und Oberst Klein.
"Unforced
errors", wie sie im Tennis heißen. Fehler, die nicht vom Gegner
erzwungen sind.
Gegner, was heißt
schon Gegner? Angela Merkel fehlt der unmittelbare Gegner. Der
Wahlkampf bestand und besteht für sie vor allem darin, die "unforced
errors" zu vermeiden und mit einer Art Löschschaum alles, was
von der SPD kommt, so lange einzuschäumen, bis es unter einem weißen
Berg nicht mehr zu sehen ist.
Ansonsten heißt
ihr Kontrahent nach Lage der Dinge weniger Frank-Walter Steinmeier,
auch wenn der sich gut geschlagen hat im Fernsehduell. Ihre Gegner
sind seit einem Jahr die Krise und der Zweifel in den eigenen Reihen.
Sie hat einen "enemy within" und einen "enemy
without", einen inneren und einen äußeren Feind, wie es
Margaret Thatcher einmal formuliert hat, die Eiserne Lady, mit der
Merkel schon lange nicht mehr verglichen wird.
Merkels äußerer
Feind ist die Weltkrise. Ihr innerer Feind ist ihre Partei, in der
namhafte Leute bis heute Sätze zwischen den Zähnen hindurchzischen
wie: "Helmut Kohl hat sich jedenfalls mehr um die Firma
gekümmert."
"Germania
Tod in Berlin" heißt ein Stück des Dramatikers Heiner Müller,
das vom Scheitern revolutionärer Aufstände in der deutschen
Geschichte handelt. Germania - Kampf um Berlin heißt das Stück, das
Angela Merkel in diesem Sommer aufführt, um ihre Wiederwahl zu
sichern. Der Kampf gilt ihrem inneren und ihrem äußeren Feind. Sie
muss in diesem Kampf klarmachen, warum sie Kanzlerin bleiben soll.
Wofür? Sie hatte
vor, die Kanzlerin zu werden, die das Land zu einem ausgeglichenen
Haushalt gebracht hat. Das Ziel ist perdu, schlimmer: Sie wird die
Kanzlerin sein, die Deutschland in die tiefste Schuldenschlucht aller
Zeiten führt. Generationen werden das abbezahlen müssen.
Die Finanzkrise,
die sich zur Weltkrise auswachsen wird, ist lange Zeit nicht ihr
Element. Sie wirkt wie ein Karpfen, den man in die Nordsee geworfen
hat. Sie versteht wenig von den Zusammenhängen, und ihr
naturwissenschaftlicher Verstand versagt ihr den Dienst bei dieser
Materie.
Sie ist eine
Versuchsanordnung wie im Labor gewohnt. Ändert man die Dosierung
eines Bestandteils, kann man ahnen, wie sich das Ergebnis verändern
wird. Genau das geht bei der Weltfinanz und ihrer Rückkoppelung mit
der Realwirtschaft nicht. Das ist mehr Alchemie als Chemie.
Umstürze,
ungeordnete Vorgänge, Revolutionen sind ihr ein Gräuel, damit
fremdelt sie wie Goethe mit der Französischen Revolution. In Sopron
in Ungarn steht sie an einem Mittwoch im August auf einem Rollrasen,
der so gut eingeschwemmt ist, dass man darauf läuft, als wäre er
aus Pudding. Genau hier hat vor 20 Jahren der ungarische
Grenzoffizier Arpád Bella zugelassen, dass mehr als 600
DDR-Flüchtlinge durch ein altersschwaches Tor nach Österreich
drängten.
Sie steht in
einem weißen Zelt bei Bella und den Sobels und Kaisers und wie sie
alle heißen, die sich damals aufgemacht haben, und sagt immer wieder
diesen Satz: "Ich hatte den Mut damals nicht für das, was Sie
gemacht haben."
Sie hat die Sache
aus der Ferne betrachtet. Sie wusste noch nicht, dass das, was da
gerade passierte, dazu führen würde, dass sie Kanzlerin von
Deutschland werden kann. Damals fragte sie sich, weshalb ihre
Landsleute ihr Hab und Gut im Stich ließen und anrannten gegen eine
Mauer, von der sich abzeichnete, dass sie bald fallen würde. Merkel
wartete lieber ab, hatte am Ende auch die Freiheit, ohne persönliche
Verluste.
"Ich bin
nicht spontan mutig", hat sie ihrer Biografin Evelyn Roll
gestanden. "Ich bin, glaube ich, im entscheidenden Moment
mutig", sagte Merkel. "Aber ich brauche beachtliche
Anlaufzeiten, und ich versuche, möglichst viel vorher zu bedenken.
Spontan mutig bin ich nicht. Ich bin zu sehr kopfgesteuert."
"Der ganze
Shit", wie sie die Folgen der geplatzten Blase an den
Finanzmärkten manchmal in kleineren Runden nennt, ist so ein
Umsturz, so eine Umwälzung, so eine Revolution, die mit einem Mal
ihre Kanzlerschaft bedroht. Die Gefahr erwuchs aus den Geistern, die
sie einst selbst gerufen hatte. Den "Ausbau des
Verbriefungsmarktes" in Deutschland fordert ihr gültiger
Koalitionsvertrag. Genau in solchen Briefen aber war der Shit fein
säuberlich verpackt, der nun der Welt um die Ohren flog.
Als
Oppositionsführerin wollte sie "den Markt für Private Equity
fortentwickeln". Heute ist sie gegen den Finanzinvestor
Ripplewood als Käufer von Opel. Als Oppositionsführerin fand sie,
der Staat lege die Finanzdienstleistungswirtschaft zu stark an die
Leine. Heute sagt sie, die Banker hätten den Schlamassel angerichtet
und segelten nun in ihren Yachten auf den Weltmeeren, während die
Bürger blechen.
Die Bundesanstalt
für Finanzdienstleistungsaufsicht solle "nicht nur als
Regulierer und Aufseher", sondern als "Partner der
Finanzdienstleister" verstanden werden. Alles zitiert nach
Bundestagsdrucksache 15/748 vom 1. April 2003. Gezeichnet Dr. Angela
Merkel. Heute sagt sie, die BaFin müsse den Finanzjongleuren besser
auf die Finger schauen. Die Krise und die Kanzlerin: Drei Jahre hat
Merkel relativ komfortabel vor sich hin regiert, hat sich nicht viel
vorgenommen, ihre Macht gesichert und es beim Notwendigsten belassen.
Was sie will,
weiß man nicht so genau. Michael Naumann, der "Zeit"-Herausgeber,
wollte es jüngst von einem wissen, der es wissen müsste. Er saß
bei einem Festakt neben Helmut Kohl und fragte: "Herr
Altbundeskanzler, was will Frau Merkel?" "Macht! Des is
doch schon was!", belehrte Kohl den "Sozzen". Ältere
Herrschaften in der CDU erinnern sich bei Merkel an einen Satz, den
Wolfgang Schäuble auf eine ähnliche Frage einmal über Kohl sagte:
"Er isch es halt so gern."
Ist sie es halt
so gern? Jedenfalls hat sie nichts getan, was ihre Kanzlerschaft
bedroht hätte. Drei Jahre hat sie sich versteckt, hinter Zwängen,
hinter der SPD, hinter weiß Gott was, hat moderiert, taktiert,
laviert. Dann kam die Krise, und sie musste handeln.
Die Chronik einer
Kanzlerin im Kampf mit der Krise und ihrer Partei. Und im Kampf um
ihr Amt, was letztlich alles auf das Gleiche hinausläuft.
Am 1. Dezember
2008, beim CDU-Parteitag in Stuttgart, ist sie noch nicht so weit. Da
hat sie noch keinen Bezug zu der neuen Situation gefunden. Sie
fremdelt, sie ist verunsichert, sie stochert, sie tastet, aber sie
darf sich das jetzt nicht anmerken lassen. Sie hatte vorher eine
Regierungserklärung zur Finanzkrise im Bundestag abgegeben, mit
brüchiger Stimme und magerem Inhalt. Wer das hörte, fühlte sich
nicht gut aufgehoben.
In der Messehalle
von Stuttgart, einer kalten, riesigen Halle, sitzt ihr der innere
Feind tausendköpfig gegenüber, und sie erklärt ihm, wie sie
gedenkt, den äußeren zu bekämpfen. Merkel steht auf einer
riesigen, 30 Meter breiten Bühne vor einer kühlen blauen Wand, das
Präsidium schrumpft zu Zwergen. Es ist eine seltsam rückwärts
gewandte Rede. "Unsere Bilanz ist eindrucksvoll", sagt sie,
aber keiner jubelt, als sie zu sagen wagt: "Der Aufschwung der
letzten Jahre wurde genutzt, um einem ausgeglichenen Haushalt sehr,
sehr nahe zu kommen." Sie preist die Tugenden der schwäbischen
Hausfrau, die das Geld zusammenhält.
Kein Beifall,
Merkel wirkt mit einem Mal sehr allein da oben auf ihrer riesigen
Bühne. Es ist kühl in der Halle, und es wird immer kühler. Die
Delegierten scheinen noch ein Stück mehr von der gigantischen Bühne
wegzurücken und diesen großen Graben noch größer werden zu
lassen. "Sehr, sehr nahe kommen" - davon kann man sich
nichts kaufen: Knapp daneben ist auch vorbei. Der Saal ahnt, dass man
von einem ausgeglichenen Haushalt bald sehr, sehr weit entfernt sein
wird. Von wegen schwäbische Hausfrau.
Friedrich Merz
tritt auf, ihr alter Widersacher. In der Woche zuvor hatte er ihr
vorgehalten, dass man dabei sei, "den Zug zum Handeln zu
verpassen", ein schiefes Bild, aber alle wissen, was gemeint
ist. Und vor allem, wer.
Merz merkt an,
dass der Haushalt bei etwas mehr Willen bereits hätte saniert sein
können - vor der Krise. Diesen Willen hätte Merkel aufbringen
müssen. Der Saal geht voll mit bei Merz. Hinterher steht er vorn an
der Kante der riesigen Bühne, und ein Journalist versucht ihn zu
ermuntern, in einem Interview seine Kritik zu wiederholen. Merz
schielt zur Bühne. Er wimmelt den Mann ab, er solle aufhören: "Sie
beobachtet uns schon."
Dann ist
Weihnachten und Neujahr. In der Neujahrsansprache sagt Merkel einen
seltsamen Satz: "Wenn sich auch im kommenden Jahr jeder an
seiner Stelle für etwas einsetzt, das für ihn in diesem Land
besonders lebens- und liebenswert ist, dann wird es uns allen noch
besser gehen."
Immer noch kein
Gespür für die Krise. In den Wochen vor und nach Weihnachten geht
Merkel durch die härteste Zeit ihres politischen Lebens. Sie hat
bislang keinen Plan, den sie ihrem Volk präsentieren kann, keinen
deutschen Weg durch die Krise, und in den Videokonferenzen und auch
öffentlich machen ihre Kollegen Gordon Brown und Nicolas Sarkozy
mächtigen Druck.
Das
angelsächsische Modell, monströs gescheitert, gibt immer noch den
Ton an. Vom Markt wurde zu Merkels Entsetzen wie von einem Menschen
gesprochen. Der Markt will dies, der Markt fordert das, der Markt
reagiert gereizt. Sie hasste diese Sprache und das Diktat dieses
seltsamen Finanzmarktes, auf dessen Regungen alle gebannt blickten.
Im Präsidium der
CDU lassen die meisten Ministerpräsidenten sie strampeln und rühren
keinen Finger für sie und ihre Bemühungen, ein Konjunkturpaket und
ein Bankenprogramm aufzulegen. Sie erlebt abermals, wie allein sie in
dieser Partei in Wahrheit ist. Und Erfolg deshalb ihre einzige
Lebensversicherung.
Unendlich viel
Häme muss sie in dieser Zeit über sich ergehen lassen. Brown
versucht sie in den Videoschalten in seine Idee der
Mehrwertsteuersenkung hineinzuzwingen. Und die eigene Partei will wie
ein kleines Kind ein Eis: Steuersenkungen auf breiter Front, aber
Geld für ein Eis ist jetzt nicht da.
Montagmorgen, der
26. Januar, in der Lobby des Kanzleramts. Es hat sich etwas getan.
Die Fotografen sehen das durch ihre Objektive als Erste. "Sie
schaut wieder in die Kamera", sagt einer am Rande der Szene. "Es
geht los."
90 Jahre
Frauenwahlrecht in Deutschland, man muss die Feste nur feiern wollen.
Das Feminat hat parteiübergreifend Platz genommen auf den
Treppenstufen des Kanzleramts, als Angela Merkel, flankiert von
Ursula von der Leyen und Alice Schwarzer, herannaht. Hildegard
Hamm-Brücher, die einstige Grande Dame der FDP, sitzt mit vorn in
der Ehrenreihe, und Silvana Koch-Mehrin posiert, als wäre dies nicht
das Kanzleramt, sondern eine Folge von "Germany's Next
Topmodel".
Merkel giggelt
und schwatzt ohne Unterlass, patscht ihr unnachahmliches Klatschen.
Etwa, als Brigitte Zypries gefragt wird, ob es denn nun unter dem
Patriarchen Schröder oder Frau Merkel besser sei zu arbeiten.
Letztlich, sagt Zypries, sei es egal, ob der Vorgesetzte ein Mann
oder eine Frau sei. Wichtig sei, "dass man möglichst wenig
Vorgesetzte hat". Der Satz gefällt Merkel gut. Sie patscht, was
ihre kleinen Hände hergeben. Sie arbeitet daran, weiterhin keine
Vorgesetzten zu haben.
Am nächsten Tag,
dem 27. Januar, wird Angela Merkel das größte Konjunkturpaket in
der Geschichte der Bundesrepublik auflegen, das Land dafür in
immense Schulden stürzen, den Zweck ihrer bisherigen Amtszeit, einen
ausgeglichenen Haushalt bis 2011 vorzubereiten, der Krise opfern. 50
Milliarden Euro als Konjunkturpaket, 100 Milliarden an Bürgschaften
für Unternehmen, 480 Milliarden für marode Banken.
Spätestens das
ist das Ende der schwäbischen Hausfrau Angela Merkel.
Um 13 Uhr geht
sie vor der blauen Wand im Kanzleramt an die Presse. Es war lange hin
und her überlegt worden, ob sie das hier macht oder drüben im
Reichstag auf dem Weg in die Fraktion, aber der Schutzraum des Amtes
wurde für besser erachtet. Merkel gibt nur ein Statement ab. Sie
trägt einen mattschwarzen Hosenanzug und hat ihre ausdruckslose
Miene aufgesetzt. Nur wenige Politiker können eine so ausdruckslose
Miene aufsetzen wie Angela Merkel.
Ein Paket sei
das, sagt sie, "wie es das so in der Geschichte der
Bundesrepublik noch nicht gegeben hat". In Superlativen geht es
weiter, sie wisse, es sei "die schwerste innenpolitische
Entscheidung, die ich in meiner Amtszeit zu treffen hatte". Und
plötzlich, das ist neu, muss alles ganz schnell gehen: "Denn
wir haben keine Zeit zu verlieren."
Sieh an. Bisher
wollte sich Merkel in keinen Wettlauf begeben. Bis zu diesem Tag
hatte sie die Zeit, auf den Amtsantritt des neuen amerikanischen
Präsidenten zu warten. Zwischen den merkelschen Haltungen liegen
Welten, aber nur sieben Tage.
Das war die
"beachtliche" Zeit, die sie brauchte, wie damals als Kind
auf dem Drei-Meter-Brett, als sie eine Dreiviertelstunde wartete,
bevor sie sprang.
"Als ich
innerlich akzeptiert hatte, dass es um unendlich viele Milliarden
geht", wird sie Ende August beim abschließenden Gespräch im
Kanzleramt sagen, "da war mit einem Mal alles ganz klar in
meinem Kopf."
In dieser Zeit
bekam Merkel ein Gespür für die Krise. Sie begann, es mit ihrem
äußeren Feind aufzunehmen. Sie hatte länger gewartet als andere,
länger als die Flüchtlinge, die eine schon poröse DDR verlassen
hatten, länger als ihre europäischen Kollegen, die schon handelten,
während sie noch nachdachte.
Doch ihr innerer
Feind stand ihr durch das, was sie tat, noch unversöhnlicher
gegenüber.
Angela Merkel ist
das Fräulein Smilla der Macht. Das Fräulein Smilla der Macht hat
ein sehr feines Gespür dafür, wo die Gefahr wohnt. Die Gefahr wohnt
in der Politik immer da, wo die Freunde sitzen. Merkel hat in den
bald vier Jahren ihrer Kanzlerschaft fast nie eine Fraktionssitzung
verpasst. Sie hat bei Helmut Kohl erlebt, wie es war, wenn er einmal
eine Fraktionssitzung früher verlassen musste und dann unter dem
Tagesordnungspunkt Verschiedenes der Aufstand geprobt wurde.
Damals hat sie
sich geschworen: immer da sein, nie fehlen. Zum Festakt der
Unionsfraktion im Bonner Bundestag wird Merkel im August eine Rede
halten und behaupten, sie habe "tiefes Vertrauen" in die
Fraktion. Das ist eine dem Festtag geschuldete Lüge. Tiefes
Misstrauen trifft es besser.
Es wird hart
zugehen in der Fraktionssitzung an diesem Dienstag. 15 Haushälter
verweigern Merkel die Gefolgschaft und stimmen dem Konjunkturpaket
nicht zu. Sie sagt wieder und wieder, dass sie sich auch etwas
anderes gewünscht hätte als das, wie es nun gekommen sei. Opel,
Arcandor, Schaeffler. Sie wisse genau, was Verstaatlichung heiße.
"Sie kommt aus dem Sozialismus und führt uns in den
Sozialismus", zischt einer aus der Fraktion. Das "Gift des
Zweifels", wie es jemand aus Merkels Zirkel formuliert, hat sich
tief hineingefressen in die eigenen Reihen.
Der Fraktionschef
greift ein und verhindert, dass sich das Gift des Zweifels
ausbreitet. "Das war schwierig", raunt sie hinterher
jemandem ironisch zu. "Es gibt Momente, da brauch ich die ganze
Wucht der Autorität des Volker Kauder."
Ihren Leuten
macht sie in diesen Tagen klar, dass man jeden Tag in diesem Amt als
Geschenk betrachten müsse. Die Presselage wird harscher. Die "Zeit"
fragt: "Versagt Angela Merkel?" "Im Moment sieht es so
aus." Das Stück löst Alarm im Kanzleramt aus.
Es erscheint noch
ein Artikel, ein kluger Leitartikel in der "FAZ", über den
sich die Morgenlage an Merkels Arbeitstisch aufregt. "Was fehlt:
Die Erklärkanzlerin". Der Autor schreibt, es könne sein, dass
von Merkels Amtszeit nichts bleibe als der Satz, die Sparkonten der
Deutschen seien sicher.
Merkel reagiert
scheinbar unbekümmert auf die besorgten Hinweise ihrer Entourage.
Was denn, brummt sie. "Det war ja ooch der wichtigste!"
Merkel macht, was
Kanzler immer machen, wenn sie in dieser Lage sind. Sie geht in die
Medien. Erst großes Interview in "Bild", dann allein bei
Anne Will. Schröder nannte das "'Bild', 'BamS', Glotze".
Bei Anne Will
kann man studieren, wie Merkel über die Medien hinweg den Bogen zu
den Menschen schlägt. Ob sie der Krise gewachsen sei, fragt Will.
"Ooch ja", sagt Merkel, "glaub schon."
Von da an fragt
Will nicht nur gegen die Kanzlerin, sondern gegen den ganzen Saal an.
Es gibt Solidaritätsbeifall bei jeder noch so nichtssagenden Antwort
Merkels. Hinterher sind sie erleichtert im Kanzleramt. Es passiert
etwas zwischen Volk und Kanzlerin. Merkel stellt einen direkten
Kontakt her, sie baut eine Brücke über die Medien hinweg. Wenn das
stattfindet, dann kann sich sogar das Gemäkel des Berliner
Kommentariats als Vorteil erweisen. Dann stellen sich die Leute
hinter die Angegriffene.
Sie ist jetzt
Volkskanzlerin, nicht Kanzlerparteichefin. Sie ist die Kümmerin, die
Mutter vons Janze, die Königin von Deutschland, Germania eben. Wie
sie von der SPD redet: Da ist keine Häme herauszuhören, kein
Triumph, eher Fürsorge und der analytische Blick dafür, was eine
schwache SPD fürs Land bedeutet. Die Glucke Merkel nimmt auch noch
das Küken SPD unter ihre Fittiche. Auch weil sie vielleicht ahnt,
dass ihrer Volkspartei noch bevorstehen könnte, was die SPD schon
erleidet.
Den äußeren
Feind bekämpft sie mit einem neuen äußeren Freund. Der Franzose
Nicolas Sarkozy und sie haben sich nicht gleich gefunden. Sarkozy
hatte Späße auf ihre Kosten gemacht, und Helmut Schmidt rüffelte
Merkel bei einem Bankett im Schloss Bellevue über den Tisch hinweg
für das schlechte Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland
unter ihrer Kanzlerschaft. Gerhard Schröder, der mit am Tisch saß,
konnte nicht so viel Rotwein trinken, wie er sich freute.
Es ist Mittwoch,
der 1. April im Ballroom des Londoner Berkeley Hotel, als Merkel und
Sarkozy sich verbünden. Noch keine drei Stunden auf britischem
Boden, haben die beiden eine Pressekonferenz anberaumt, um sich die
angelsächsische Glitzerwelt der Spekulation und des Banking als
Hütchenspiel zur Brust zu nehmen, in Sichtweite zu den Bankentürmen
der Londoner City.
Merkel spricht
eine Sprache, die nicht die ihre ist. Dieser Gipfel - "ich halte
ihn für einen entscheidenden Gipfel für die Zukunft der Welt".
Sie macht eine Pause, als staune sie selbst dem ungläubig hinterher,
was sie eben gesagt hat. "Das hört sich groß an", sagt
sie, "aber das ist es auch."
Sonst ist es
immer umgekehrt. Sonst hören sich die Dinge bei ihr immer klein an
und sind in Wahrheit groß. Sie ist die Runterdimmerin. Jetzt reißt
sie die Regler auf.
Während Peer
Steinbrück auf dem Rückflug im Flugzeug noch davon schwärmt, wie
toll das war mit Merkel in London, lässt Kanzlerkandidat
Frank-Walter Steinmeier in Berlin eine Presseerklärung zu den
Ergebnissen von London verbreiten. Die seien nicht schlecht, müssten
aber erst noch umgesetzt werden, nörgelt der Kandidat. Als Chefin
von Kandidat und Finanzminister, das lehren sie diese Tage, kann sie
ihren Widersacher mit dessen eigenen Parteifreunden neutralisieren.
Tags drauf sitzt
der Herausforderer mit der Amtsinhaberin in der Regierungsmaschine
nach Baden-Baden. Nato-Gipfel an der deutsch-französischen Grenze.
Die kleine badische Seniorenresidenz platzt fast vor plötzlicher
Bedeutung. Über den Dächern wummert der Rotor eines amerikanischen
Militärhubschraubers, der zum Landeanflug ansetzt. Auf den Dächern
und in den Fenstern haben sich Scharfschützen postiert, schwarze
amerikanische Vans mit verdunkelten Scheiben rasen vor und bremsen
scharf.
Merkel steigt aus
dem Auto aus und schlüpft unter einem rot-weißen Absperrband durch,
um die ihr entgegengestreckten Hände zu schütteln. Sie wird in
Baden-Baden begrüßt wie eine Herrscherin aus früheren Zeiten, wie
eine Monarchin.
In vielerlei
Hinsicht ähnelt Merkel der englischen Königin Elizabeth I. Die
wurde von ihrem Volk respektvoll gemocht. Sie verfügte über
Autorität ohne Pomp. Sie war für ihre abwartende Politik
berühmtberüchtigt. Sie hat früh und schmerzhaft Kontrolle über
ihre Gefühle gelernt, sie war nicht katholisch und kinderlos. Sie
wurde Königin - wider alle Wahrscheinlichkeit.
Distanziert,
kontrolliert. In Baden-Baden vor dem Rathaus ist Merkel für einen
Moment die Kanzler-Königin zum Anfassen. Sie hat sich nicht
verschlissen. Sie ist eine Fremde geblieben, eine Ferne, aber genau
darin liegt die Faszination.
Steinmeier muss
sich derweil auf dem Marktplatz in einer Reihe mit Hillary Clinton
aufstellen, die Merkel und Barack Obama hinterher zum Händeschütteln
abschreiten. Steinmeier hat bisweilen einen Flunsch, der so aussieht
wie der von Merkel, jetzt hängt der Flunsch noch tiefer. Er ist die
Hillary Clinton von Angela Merkel.
Die Gefahr kommt
jetzt aus einer anderen Richtung, vom "enemy within".
Ende Februar geht
in der Eisenbahnstraße 64 in Freiburg im Breisgau ein Brief ein, der
wenig später in der ganzen Republik gelesen wird. Dem
CDU-Kreisvorsitzenden teilt der Autor mit, dass er nach 37 Jahren
Mitgliedschaft seinen Austritt aus der Partei erkläre. Dazu führten
erstens die "Profillosigkeit und das Lavieren der Vorsitzenden"
sowie die "Nichtbeachtung der Beschlüsse des Leipziger
Parteitages". "Unerträglich" findet der Absender den
Umgang der Parteivorsitzenden mit verdienten Persönlichkeiten der
CDU. "Das leitende Prinzip" sei jedes Mal "Populismus
und die Stabilisierung ihrer eigenen Machtposition" gewesen. Mit
der Abtreibungsbefürworterin Alice Schwarzer aber zeige sie sich
traut in der Öffentlichkeit
Keiner hat es
bisher gewagt, Merkel so brutal zu kritisieren. Der Brief des
einstigen CDU-Ministerpräsidenten Werner Münch, das ist die reine
und klare Stimme ihres inneren Feindes.
Bei der
Kommunalwahl am 7. Juni stürzt die CDU in Freiburg um über fünf
Prozentpunkte auf 20,7 Prozent. Das ist das schlechteste
Wahlergebnis, das die CDU in der Bischofsstadt je erzielt hat. Acht
Prozentpunkte Verlust im Schnitt bundesweit in der katholischen
Wählerschaft hat die Union bei der Europawahl am 7. Juni zu
verschmerzen. Der 3. Februar wirkt nach.
Am 3. Februar
begeht Angela Merkel den wahrscheinlich größten politischen Fehler
- jedenfalls gegenüber ihrer Partei. Es ist kein
Flüchtigkeitsfehler, sondern ein Fehler mit festem Vorsatz. Als sie
mit ihrem Besucher, dem kasachischen Präsidenten Nursultan
Nasarbajew, vor die blaue Fernsehwand tritt, weiß sie schon, was
passieren wird. Bei Werner Münch in Freiburg wird dieser Tag "das
Fass zum Überlaufen" bringen.
Der Papst hatte
vier exkommunizierte Bischöfe der Piusbruderschaft rehabilitiert,
darunter auch einen Holocaust-Leugner. "Dazu werde ich etwas
sagen müssen", hatte Merkel ihren Leuten prophezeit. Die
Regierungssprecher waren mehrere Tage mit Sprachregelungen für die
Bundespressekonferenz versorgt worden. Über eine eigene
Pressekonferenz hatte Merkel nachgedacht. Aber dann wird als "letzter
Slot" vor der nächsten Generalaudienz des Vatikans die
Pressekonferenz mit Nasarbajew gewählt.
"Wie
bewerten Sie die Konsequenzen der personellen Entscheidungen des
Papstes und der Diskussion in Europa, vor allem aber in
Deutschland?", wird sie gefragt.
Es ist eine
bestellte Frage. Merkel hat sich die Antwort zurechtgelegt. Es sei
eine "Grundsatzfrage, wenn durch eine Entscheidung des Vatikans
der Eindruck entsteht, dass es die Leugnung des Holocaust geben
könnte, dass es um grundsätzliche Fragen des Umgangs mit dem
Judentum insgesamt geht. Deshalb darf das nicht ohne Folgen im Raum
stehen bleiben".
Dieser wurmlange
Satz wird als "Papstkritik" in die Geschichte eingehen. Es
ist nicht erinnerlich, wann ein Regierungschef des christlichen
Abendlandes zuletzt einen Papst so kritisiert hätte. Wer den
Holocaust relativiert, wird attackiert, sei er Hinterbänkler im
Bundestag oder Stellvertreter Christi auf Erden. "Ich als
Bundeskanzlerin", so hat sie ihren Leuten in einer internen
Runde gesagt, "kann mir nicht aussuchen, wann ich etwas sagen
muss. Ich habe gewartet, mehrere Tage lang. Aber es ist nichts
passiert in Rom." Sie würde es wieder tun, sagen ihre Leute.
Eine deutsche
Pflicht? Oder sind bei diesem ins Überirdische reichenden Kampf sehr
irdische Mächte im Spiel? Man hat diese Frage an einen hochmögenden
Publizisten des Axel-Springer-Verlags noch nicht zu Ende gestellt, da
fällt der Mann ins Wort und sagt:
"Friede
Springer, na klar."
Am Tag, als
Merkel den Papst rüffelt, hat Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner
den Kommentar in "Bild" geschrieben. Der Papst füge
"Deutschland in der Welt großen Schaden zu", schreibt der
Mann, dessen "Bild" Ratzinger mit der Zeile "Wir sind
Papst!" begrüßt hatte.
Der Verlag ist
Merkels Schutzpatron und Friede Springer eine wichtige Verbündete.
Sie knabberte Kekse aus der Tupperschale, oben bei den Merkel-Mädels
auf der Besuchertribüne, als die Kanzlerin ihren Eid schwor. Friede
Springer, Mathias Döpfner, Kai Diekmann saßen mit am Tisch, als
Merkel für Josef Ackermann ein Geburtstagsessen gab. Als Merkel Ende
Juli für eine Signierstunde nach Sylt flog, schaute sie noch bei
Frau Springer vorbei.
Vom Schaumburger
Hof in Bad Godesberg hat man einen schönen Blick auf das
Siebengebirge und den Petersberg über dem Rhein, der geruhsam sein
Wasser führt, erstaunlich klares Wasser verglichen mit früher
übrigens, als es die rheinische Republik noch gab.
Martin Lohmann
hat das Lokal vorgeschlagen. Hier hat der Parlamentarische Rat
getagt, dem Konrad Adenauer vorsaß.
Lohmann ist
Katholik, Journalist und unbequemes CDU-Mitglied. Er hat ein Foto von
sich, seiner Familie und dem Papst in seinem iPhone. Manchmal
schreibt er auch Kommentare in "Bild". Er hat ein Buch
veröffentlicht. "Das Kreuz mit dem C - wie christlich ist die
Union?" Darin geht es um das C, es geht aber auch um Angela
Merkel, die Lohmann eine Ich-AG nennt, "die beste Ich-AG",
die er kenne, und eine, die die CDU in ihrem Wesenskern bedrohe.
Seine erste
Begegnung mit Angela Merkel liegt 20 Jahre zurück, als Lohmann im
"Rheinischen Merkur" einen katholischen Arbeitskreis in der
CDU forderte. Merkel rief bei ihm an. "Ich möchte Sie
kennenlernen." Sie trafen sich noch am selben Tag in Merkels
Büro. Aber zusammen kamen sie nicht, der rheinische Katholik und die
Protestantin aus dem Osten. Lohmann hat ihr sein Buch ins Kanzleramt
gebracht. "Der CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlerin Dr. Angela
Merkel in kritischer Loyalität und christlicher Verbundenheit
zugeeignet" hat er reingeschrieben. Ein Gespräch wollte sie
nicht.
Sie gehe mit
Kritik nicht souverän um, sei "eine eiskalte Rechnerin",
verfüge über eine grenzenlose Anpassungsfähigkeit und agiere im
"Überzeugungs-Nirwana", sagt Lohmann. Sie sei der
perfektere Schröder.
In der
Katholischen Akademie Bayern, da habe sie "geredet wie hundert
Bischöfe zusammen nicht". Aber er glaubt ihr nicht. Denn selbst
wenn sie so rede: Sie handele nicht so. Mit ihrer Kritik am Papst
habe sie sich verschätzt. Sie hoffte auf wohlfeilen Beifall und habe
unter katholischen CDU-Anhängern einen enormen Schaden angerichtet.
Er kenne viele Bischöfe, die sagen: Ich habe immer CDU gewählt. Ich
werde es nicht mehr tun.
Sie denke nicht
über den "letzten Tag Merkel" hinaus. Der letzte Tag
Merkel ist für Lohmann der Tag, an dem sie das Kanzleramt verlässt
und die CDU in Trümmern liegt.
Merkel sagt: "Ich
weiß, dass ich der CDU einiges zumute." Aber es gebe einen
fundamentalen Unterschied zu Schröder und der SPD. "Herr
Schröder hat sich nicht mehr umgedreht und geschaut, ob die Menschen
ihm noch folgen können. Ich versuche sie dagegen zu überzeugen."
Bei Lohmann
klappt das nicht so. Ohne große Leidenschaft geht er am späten
Nachmittag mit zu Merkels Wahlkampfauftritt auf dem Bonner
Marktplatz. Als Merkel von Jürgen Rüttgers in Empfang genommen
wird, steht Martin Lohmann, den Rüttgers unbeirrt "Manni"
nennt, dabei. Merkel und Lohmann geben sich die Hand, freundlich.
Nach der Rede sagt er bitter, sie habe wieder kein Wort zum C gesagt.
Aber sie sei wieder sehr "situationsecht" gewesen.
Situationsecht.
Kein schlechter Begriff.
Wahlkampf in Binz
auf Rügen. Donnerwetter, kann das regnen in Merkels Wahlkreis. Vor
dem Kurhaus hat sich ein Regenschirmgebirge gebildet, in Kaskaden
stürzt das Wasser von den Rändern der oberen Schirme auf die
darunter liegenden. Es ist alles grau. Wie flüssiges Blei rollt die
Ostsee an den Strand. Die Atomkraftgegner machen Stimmung auf dem
Platz, während Merkel redet. Sie weicht von ihrem Standardtext ab
und sagt, die Union sei für Atomkraft, "aber sicher nicht für
alle Zeiten". Brückentechnologie nennt sie die Kernenergie, für
deren Verlängerung sie sonst kämpft. Merkel ist elastisch wie ein
Expander.
"Situationsecht"
würde Martin Lohmann das nennen. Sie selbst nennt das anders. Sie
nennt das "Agieren in einem Kraftfeld, das immer relativ ist".
Es ist Mittwoch,
der 26. August, noch 32 Tage bis zur Bundestagswahl. Die
Kabinettssitzung fällt aus, was Zeit gibt für ein Gespräch in
ihrem Amtszimmer.
Merkel kommt die
Treppe in den siebten Stock allein heraufgelaufen. "Lassen Sie
uns schon mal anfangen. Herr Wilhelm kommt später dazu."
Ein Gespräch
ohne den Regierungssprecher, ohne Aufpasser. Das ist nicht die
gleiche Frau wie jene, die vor vier Jahren Kanzlerin werden wollte.
Wer sie da traf, traf auf ein Nervenbündel, das über den Tisch
hinweg die Fragen versuchte zu lesen, die auf sie zukommen würden.
Sie ist gedrungener geworden, der Kopf verschwand zunehmend zwischen
ihren Schultern. Sie zog sich physisch in sich zurück.
Jetzt lehnt sie
sich entspannt in ihrem Stuhl zurück. Sie öffnet sich, ist
erstaunlich nahbar, sie geht aus sich heraus. Sie ist eine wache
Gesprächspartnerin, die auf die Fragen eingeht. Wenn sie nachdenken
muss bei der Antwort und nach Formulierungen sucht, formen ihre Hände
runde, weiche Gebilde in die Luft. Manchmal spitzt sie den Mund und
züngelt ein bisschen, wenn sie nach Worten sucht.
Ihren
Fingernägeln geht es besser als vor vier Jahren. Sie kann froh sein,
dass es ihr nicht erging wie Gordon Brown. In der Hochzeit der Krise
hatte der "Guardian" Großaufnahmen seiner Hände gezeigt.
Zu sehen waren abgebissene Fingernägel. Sind wir in diesen Händen
gut aufgehoben? Das hießen diese Bilder.
Zurück zu
Merkels Relativitätstheorie in der Politik. Damals, als sie für
Freiheit auf den Finanzmärkten war, da sei das relative Kraftfeld
ein anderes gewesen als heute. Rot-Grün hatte die Märkte in
Deutschland liberalisiert. Die Wall Street in New York, die City in
London, das war hip, und wie es in der Mode schwer ist, einen
Minirock zu tragen, wenn alle in langen Röcken herumlaufen, so ist
das offenbar auch bei Finanzdingen.
Sie lag falsch,
jawohl. Aber sie nimmt jedenfalls für sich in Anspruch, schon 2006
umgesteuert zu haben. Sie hat gelernt, weniger relativ zu sein.
Sonntag, 30.
August. Am Tag der drei Landtagswahlen und der Kommunalwahl in
Nordrhein-Westfalen sitzt Merkel auf der Bühne des Thalia Theaters
in Hamburg. "Zeit"-Matinee.
Die beiden
journalistischen Herausforderer von Angela Merkel, Josef Joffe und
Michael Naumann, von Natur aus mit hinreichend Selbstwertgefühl
ausgestattet, müssen an diesem Vormittag erfahren, was es zurzeit
heißt, es mit Merkel aufnehmen zu wollen. Man muss unwillkürlich an
den Satz von Michael Glos denken, der gesagt hat, dass Merkel wie
kein Jägersmann auf der Welt darum wisse, dass man Auerhähne am
besten auf dem Balzplatz schieße.
Das Publikum
pfeift, es pfeift mehrfach, wenn Naumann und Joffe versuchen, Merkel
aus der Reserve zu locken. Die beiden erleben das gleiche Problem,
das auch Anne Will zu spüren bekam.
Merkel strahlt
Selbstsicherheit aus. Die brüchige Stimme von der ersten
Regierungserklärung zur Krise - weg. Pampige Antworten auf
missliebige Fragen - weg. Es gelingt ihr alles, sogar die Pointen.
Und das ist nun wirklich neu.
Am Anfang sagen
die beiden, sie sei ja eine Hamburgerin, was sie denn mit Hamburg
verbinde. Merkel sagt "Na ja" und macht eine Pause. "Die
Erinnerungen an meine ersten sechs Lebenswochen halten sich in
Grenzen."
Gegen Ende des
Gesprächs. Joffe drückt aufs Tempo, "denn Sie müssen ja
weg!". 90 Minuten seien angesetzt worden, sagt Merkel ungerührt,
"das ist das Format, nicht meine Vorgabe". "Für die
Bundeskanzlerin hätten wir verlängert", sagt Joffe. "Wie
bei einem Fußballspiel", ergänzt Naumann. "Na ja",
sagt Merkel. "Es steht ja hier nicht unentschieden."
"Glaub
nich", entfährt es Joffe in seltener Demut.
Am Dienstag, dem
8. September, hält Merkel eine Regierungserklärung zu Afghanistan.
Es lief nicht gut für sie die vergangenen Tage. Es gab unnötige
Fehler der eigenen Leute. Jürgen Rüttgers rüpelte gegen Rumänen,
Dieter Althaus irrlichterte zurückgetreten durch Thüringen. Und in
Afghanistan ließ ein deutscher Oberst zwei entführte Tanklastzüge
bombardieren.
Die CDU, sie hebt
einfach nicht ab, wie ein fetter Vogel mit zu kurzen Flügeln. Es
gibt keine Wechselstimmung im Land, aber auch keine Welle, die Merkel
haushoch wieder ins Kanzleramt trüge. Das Fernsehduell hat Merkel
nicht genutzt.
Georg Brunnhuber
hat sich bei seiner letzten Sitzung im Bundestag von einem Kollegen
mit der Kanzlerin fotografieren lassen. Der Chef der
baden-württembergischen Landesgruppe kommt nach der Wahl nicht
wieder. Er kennt das Problem Merkels mit ihrem inneren Feind.
"Schorsch", hat sie ihn gefragt, als sie Kanzlerkandidatin
war, "wird das gehen?" Sie sei doch gar nicht konservativ
genug.
"Ach lass
mal", sagte Brunnhuber, "konservativ sind wir alleine."
Das war der Plan.
Brunnhuber und all die anderen Konservativen plus die moderne Merkel.
Simple Addition, Ausweitung der Kampfzone.
Und auch jetzt
noch, im Bundestagsrestaurant, sagt Brunnhuber, wie richtig das alles
war. Allerdings, fügt er hinzu, sei die Bundestagswahl schon ein
"Prüfstein", auf den man schauen werde.
Das klingt mit
einem Mal gar nicht mehr gütig, sondern recht kühl. Das ist das
Kleingedruckte im Vertrag zwischen Angela Merkel und ihrer CDU.
So geht Angela
Merkel in die letzten Tage vor der Bundestagswahl. Sie hat die Krise,
ihren äußeren Feind, in den Griff bekommen. Abwrackprämie,
Kurzarbeit, die Welt macht ihre Politik nach, während Gordon Brown,
der Hämische, mit seiner eiligen Mehrwertsteuersenkung, die er ihr
aufschwatzen wollte, auf die Nase gefallen ist. Der "Economist",
Zentralorgan des angelsächsischen Modells, konzediert, dass
Deutschland und Frankreich schneller aus der Krise kommen als die USA
und Großbritannien.
Aber ihr innerer
Feind lauert mehr denn je. Er taxiert und wird am 27. September
registrieren, ob sie liefert, ob sie all das Leid wert war, das sie
der Partei zugefügt hat. Am 27. September wird abgerechnet.
Sie hat einen
Vorschuss bekommen und 2005 schon nicht zurückgezahlt. Jetzt muss
sie liefern. Liefern, das heißt: Schwarz-Gelb erreichen. Liefern,
das heißt: 37, 38 Prozent. Das ist der tiefere Grund, weshalb Merkel
das Bündnis mit den Liberalen preist.
Parteien sind
gnadenlos. Sie vergeben die Macht wie einen Kredit, und sie nehmen
sie auch wieder. Die SPD hat Schröder in seiner zweiten Amtszeit
nach der verhassten Agenda den Parteivorsitz wieder weggenommen. Es
war der Anfang von seinem Ende als Kanzler.
Gut möglich,
dass Merkel nach dem 27. September Bundeskanzlerin bleibt. Aber
Kanzlerin wovon? Kanzlerin einer Großen Koalition wäre der Anfang
von ihrem Ende.
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